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Gütekriterien qualitativer Forschung: Mayring, Steinke & Co.

Die kurze Antwort

Gütekriterien qualitativer Forschung sind die Maßstäbe, an denen man prüft, ob eine Interview-, Beobachtungs- oder Dokumentenstudie sorgfältig und nachvollziehbar gemacht wurde. Die klassischen Kriterien Objektivität, Reliabilität und Validität stammen aus der standardisierten Messung und passen deshalb nicht unverändert. Im deutschsprachigen Raum sind zwei Kataloge am verbreitetsten: Mayrings sechs allgemeine Gütekriterien (Verfahrensdokumentation, argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung, Triangulation) und Steinkes sieben Kernkriterien (intersubjektive Nachvollziehbarkeit, Indikation des Forschungsprozesses, empirische Verankerung, Limitation, Kohärenz, Relevanz, reflektierte Subjektivität). International ist Lincoln und Gubas Trustworthiness verbreitet: credibility, transferability, dependability, confirmability. In deiner Arbeit wählst du einen Ansatz, zitierst ihn und zeigst für jedes Kriterium, was du konkret getan hast.

Unten findest du jeden Ansatz einzeln erklärt und am Ende Formulierungen, die du an deine Arbeit anpassen kannst.

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Warum Objektivität, Reliabilität und Validität nicht 1:1 passen

In der quantitativen Forschung bedeuten die drei klassischen Kriterien: Das Ergebnis hängt nicht von der forschenden Person ab (Objektivität), die Messung ist zuverlässig wiederholbar (Reliabilität), und das Verfahren misst, was es messen soll (Validität). Die Methodenplattform QUASUS der PH Freiburg erklärt, warum das für qualitative Studien nicht einfach übertragbar ist: Aussagen lassen sich unterschiedlich deuten, Ergebnisse hängen vom Kontext ab, und die Beziehung zwischen Forschenden und Befragten ist selbst Teil der Daten.

Ines Steinke ordnet die Debatte in ihrem Handbuchbeitrag (Steinke 2000, in Flick, von Kardorff & Steinke, Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Rowohlt) in drei Grundpositionen: quantitative Kriterien übernehmen und umformulieren, eigene Kriterien entwickeln, oder Kriterien ganz ablehnen. Sie selbst wählt die zweite und verwendet die alten Begriffe bewusst nicht, damit keine falschen Erwartungen an Wiederholbarkeit entstehen.

KlassischWas qualitativ stattdessen gefragt wird
ObjektivitätSind Vorannahmen und Rolle der Forschenden offengelegt und reflektiert?
ReliabilitätIst das Vorgehen so dokumentiert, dass andere es nachvollziehen können?
ValiditätSind die Deutungen in den Daten verankert und argumentativ begründet?
GeneralisierbarkeitWie weit tragen die Ergebnisse, und wo liegen ihre Grenzen?

Die Tabelle ist eine Lesehilfe, keine Gleichsetzung. Steinke lehnt eine solche Übersetzung ausdrücklich ab; bei Lincoln und Guba ist sie dagegen gewollt (siehe unten).

Die sechs Gütekriterien nach Mayring

Philipp Mayring nennt in seiner Einführung in die qualitative Sozialforschung (6. Auflage, Beltz 2016) sechs allgemeine Gütekriterien. Sie sind auch im Dorsch Lexikon der Psychologie aufgeführt. Was sie in einer Abschlussarbeit praktisch bedeuten:

  1. Verfahrensdokumentation: Vorverständnis, Erhebungsinstrument (etwa Leitfaden), Durchführung und Auswertung so genau beschreiben, dass Lesende jeden Schritt nachvollziehen können. Praktisch: Leitfaden, Transkriptionsregeln und Kategoriensystem in den Anhang.
  2. Argumentative Interpretationsabsicherung: Deutungen nicht setzen, sondern begründen. Alternative Lesarten prüfen und sagen, warum du dich für eine entschieden hast.
  3. Regelgeleitetheit: Systematisch nach einem vorher festgelegten Ablauf vorgehen, etwa nach einem Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse, und Abweichungen davon begründen.
  4. Nähe zum Gegenstand: Möglichst nah an der Alltagswelt der Befragten forschen und an ihren Anliegen anknüpfen, statt sie in eine künstliche Laborsituation zu bringen.
  5. Kommunikative Validierung: Ergebnisse oder Deutungen den Befragten zurückspiegeln und prüfen, ob sie sich darin wiederfinden.
  6. Triangulation: Eine Frage aus mehreren Blickwinkeln angehen: verschiedene Datenquellen, Methoden, Theorien oder Interpretierende, und die Ergebnisse vergleichen.

Das Dorsch-Lexikon nennt bei Mayring außerdem die Übereinstimmung mehrerer Beurteilender als besonders bedeutsam, wenn interpretativ vorgegangen wird. Wie Mayrings Verfahren selbst abläuft, erklärt unser Beitrag zur qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Die Kernkriterien nach Steinke

Ines Steinke hat ihre Kriterien 1999 in ihrem Buch Kriterien qualitativer Forschung (Juventa) entwickelt und 2000 im oben genannten Handbuch zusammengefasst. Laut dem Dorsch-Lexikon und der PH Freiburg sind es sieben:

KernkriteriumLeitfrage für deine Arbeit
Intersubjektive NachvollziehbarkeitIst der Prozess dokumentiert (Vorverständnis, Methoden, Transkription, Entscheidungen), wurde in der Gruppe interpretiert oder ein kodifiziertes Verfahren angewendet?
Indikation des ForschungsprozessesPasst ein qualitatives Vorgehen zur Frage? Passen Methoden, Sampling und Transkriptionsregeln zum Gegenstand und zueinander?
Empirische VerankerungSind die Ergebnisse durch hinreichende Textbelege gestützt, und wie wird mit Widersprüchen umgegangen?
LimitationWie weit lassen sich die Ergebnisse verallgemeinern? Wurden kontrastierende und abweichende Fälle gesucht?
KohärenzSind die Ergebnisse in sich stimmig, und werden offene Widersprüche benannt?
RelevanzWelchen Beitrag leisten die Ergebnisse, bieten sie neue Deutungen oder praktischen Nutzen?
Reflektierte SubjektivitätWird die eigene Rolle, etwa beim Feldzugang und in der Beziehung zu den Befragten, reflektiert?

Zwei Punkte aus Steinkes Beitrag werden in Abschlussarbeiten oft übersehen: Die Kriterien sind breit formuliert und müssen für die eigene Studie konkretisiert werden. Und ein oder zwei Kriterien reichen für eine Bewertung nicht aus.

Lincoln und Guba: Trustworthiness

Im englischsprachigen Raum ist der Ansatz von Yvonna Lincoln und Egon Guba verbreitet (ausführlich in Naturalistic Inquiry, Sage 1985). Er geht auf Guba (1981) zurück. Anders als Steinke stellen Lincoln und Guba ihre „Trustworthiness“-Kriterien bewusst parallel zu den konventionellen Kriterien; so beschreiben sie es selbst im Abstract von Lincoln & Guba (1986):

TrustworthinessEntspricht klassischTypische Techniken
Credibility (Glaubwürdigkeit)interne Validitätlängere Zeit im Feld, Triangulation, Peer Debriefing, Member Checking
Transferability (Übertragbarkeit)externe Validitätdichte Beschreibung von Kontext und Fällen, damit Lesende selbst einschätzen, wo die Ergebnisse passen
Dependability (Verlässlichkeit)Reliabilitätnachvollziehbare Dokumentation aller Entscheidungen (Audit Trail)
Confirmability (Bestätigbarkeit)ObjektivitätErgebnisse auf Daten zurückführbar, Reflexion der eigenen Vorannahmen

Lincoln und Guba schlagen 1986 außerdem „Authenticity“-Kriterien vor, die sich direkt aus ihrem Forschungsverständnis ableiten. In Bachelorarbeiten spielen sie selten eine Rolle. Wenn du englisch schreibst oder deine Literatur überwiegend englisch ist, ist Trustworthiness meist die natürlichere Wahl.

Kuckartz, Strübing und weitere Ansätze

Kuckartz und Rädiker sprechen bei der qualitativen Inhaltsanalyse von interner Studiengüte. In einem Auszug aus ihrem Lehrbuch (Beltz Juventa 2022) geben sie dafür eine Checkliste: Wurden die Interviews aufgezeichnet und vollständig nach offengelegten Regeln transkribiert? Ist die Methode der Frage angemessen und begründet? Wurde Material von mehreren Codierenden unabhängig bearbeitet, und wie wurde mit Nicht-Übereinstimmung umgegangen? Gibt es Ankerbeispiele, Memos, abweichende Fälle? Wer nach Kuckartz auswertet, kann diese Fragen direkt als Gliederung für das Gütekapitel nutzen.

Strübing, Hirschauer, Ayaß, Krähnke und Scheffer haben 2018 in der Zeitschrift für Soziologie fünf Kriterien vorgeschlagen: Gegenstandsangemessenheit, empirische Sättigung, theoretische Durchdringung, Originalität und textuelle Performanz. Die PH Freiburg empfiehlt für studentische Arbeiten, sich auf Gegenstandsangemessenheit, empirische Sättigung und theoretische Durchdringung zu konzentrieren, ergänzt um intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Originalität und textuelle Performanz seien Glanzpunkte, aber nicht zu erwarten.

Welche Gütekriterien soll ich nehmen?

  • Du wertest mit Mayrings Inhaltsanalyse aus: Mayrings sechs Kriterien. Sie stammen vom selben Autor und passen zu deinem Vorgehen.
  • Du wertest nach Kuckartz aus: die interne Studiengüte nach Kuckartz und Rädiker.
  • Du nutzt Grounded Theory, Ethnografie oder ein anderes interpretatives Verfahren: Steinke, oder Strübing et al., wenn dein Institut soziologisch arbeitet.
  • Du schreibst englisch oder deine Methodenliteratur ist überwiegend englisch: Lincoln und Guba.
  • Dein Lehrstuhl hat eine Vorliebe: Die gewinnt. Ein Blick in zwei, drei betreute Arbeiten oder eine kurze Frage an die Betreuung erspart dir hier viel Arbeit.

Mischen ist erlaubt, aber nur mit Begründung. Eine Liste aus allen Katalogen zugleich wirkt eher, als hättest du dich nicht entschieden.

So schreibst du das Kapitel: Formulierungen

Der Abschnitt steht meist am Ende des Methodenkapitels (siehe auch Methodik in der Bachelorarbeit). Er hat drei Teile: Einordnung, Umsetzung pro Kriterium, Grenzen. Schreib nur, was du wirklich getan hast. Ein behauptetes Member Checking, das es nie gab, fällt spätestens im Kolloquium auf.

1. Einordnung

„Da sich die klassischen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität nicht unverändert auf qualitative Forschung übertragen lassen, orientiert sich diese Arbeit an den allgemeinen Gütekriterien qualitativer Forschung nach Mayring (2016).“

2. Umsetzung, ein Absatz pro Kriterium

„Der Verfahrensdokumentation wird entsprochen, indem Interviewleitfaden, Transkriptionsregeln und Kategoriensystem mit Definitionen und Ankerbeispielen im Anhang dokumentiert sind (Anhang B bis D).“
„Um die Regelgeleitetheit sicherzustellen, folgte die Auswertung dem Ablaufmodell der inhaltlichen Strukturierung nach Mayring. Abweichungen, etwa die Ergänzung einer induktiv gebildeten Subkategorie, werden in Kapitel 3.4 begründet.“
„Zur argumentativen Interpretationsabsicherung wurden Deutungen an Textstellen belegt und alternative Lesarten diskutiert. Widersprüchliche Aussagen werden in Kapitel 4.3 gesondert dargestellt.“
„Ein Teil des Materials (zwei von acht Interviews) wurde von einer Kommilitonin unabhängig codiert. Abweichungen wurden besprochen und die Kategoriendefinitionen daraufhin präzisiert.“

3. Grenzen, ehrlich

„Eine kommunikative Validierung war im zeitlichen Rahmen der Arbeit nicht möglich, da die Befragten nach Abschluss der Erhebung nicht erneut erreichbar waren. Dies schränkt die Absicherung der Interpretationen ein und wird in Kapitel 5.2 als Limitation aufgegriffen.“

Die Kapitelnummern und Zahlen in den Beispielen sind Platzhalter. Ersetze sie durch deine. Die Grenzen greifst du in der Diskussion wieder auf; wie das geht, steht unter Diskussion schreiben. Und wenn du dich auf die Verteidigung vorbereitest: Nach den Gütekriterien wird im Kolloquium gern gefragt. Mehr dazu in Kolloquium-Angst überstehen.

Zitiere die Kriterienkataloge aus der Originalliteratur, nicht aus Zusammenfassungen im Netz. Mayring 2016, Steinke 2000, Lincoln und Guba 1985 und Kuckartz und Rädiker 2022 stehen in jeder Hochschulbibliothek.

Häufig gestellte Fragen

Was sind die sechs Gütekriterien nach Mayring?

Verfahrensdokumentation, argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung und Triangulation. Mayring beschreibt sie als allgemeine Gütekriterien qualitativer Forschung in seiner „Einführung in die qualitative Sozialforschung“ (6. Auflage, Beltz 2016).

Was sind die Gütekriterien nach Steinke?

Sieben Kernkriterien: intersubjektive Nachvollziehbarkeit, Indikation des Forschungsprozesses, empirische Verankerung, Limitation, Kohärenz, Relevanz und reflektierte Subjektivität. Steinke betont, dass sie für jede Studie konkretisiert werden müssen und dass ein oder zwei Kriterien allein für eine Bewertung nicht reichen.

Gelten Objektivität, Reliabilität und Validität auch in der qualitativen Forschung?

Nicht unverändert. Sie wurden für standardisierte Messverfahren entwickelt, und qualitative Forschung arbeitet offen, kontextgebunden und interpretierend. Ein Interview lässt sich nicht identisch wiederholen. Deshalb gibt es eigene Kriterien, die dieselben Fragen anders stellen: Ist das Vorgehen nachvollziehbar, sind die Deutungen begründet, wie weit tragen die Ergebnisse?

Wie viele Gütekriterien brauche ich in meiner Bachelorarbeit?

Es gibt keine feste Zahl. Wichtiger ist, dass du einen Ansatz nennst, ihn zitierst und für jedes Kriterium zeigst, was du konkret getan hast. Drei bis vier Kriterien, die du wirklich umgesetzt hast, überzeugen mehr als sechs, die nur aufgezählt sind.

Wo stehen die Gütekriterien in der Arbeit?

Meist als eigener Abschnitt am Ende des Methodenkapitels, oft „Gütekriterien“ oder „Qualitätssicherung“ genannt. Die Grenzen, die sich daraus ergeben, greifst du in der Diskussion unter „Limitationen“ wieder auf.

Muss ich kommunikative Validierung machen?

Nein. Sie ist eines von mehreren Kriterien und in einer Bachelorarbeit oft nicht machbar, etwa weil die Befragten nicht mehr erreichbar sind. Wenn du sie nicht gemacht hast, schreib das und begründe es kurz. Behaupte nie ein Verfahren, das du nicht durchgeführt hast.

Noch am Anfang deiner Arbeit?
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