Wissenschaftlicher Schreibstil: Zeitform, Ich-Form, Passiv, Füllwörter
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Die kurze Antwort
Wissenschaftlicher Schreibstil heißt: Präsens für das, was gilt, Vergangenheit für das, was du getan hast; Passiv nur dort, wo die handelnde Person wirklich unwichtig ist; Verben statt gehäufter Substantive; Aussagen so stark formuliert, wie deine Belege tragen — und konsequent gestrichene Füllwörter. Nicht: möglichst lange Sätze und möglichst seltene Wörter.
Der verbreitetste Irrtum ist, Wissenschaftlichkeit mit Feierlichkeit zu verwechseln. Bewertet wird, ob deine Argumente nachvollziehbar sind. Ein Satz, dessen Struktur man beim ersten Lesen nicht erkennt, arbeitet gegen dich, egal wie akademisch er klingt.
Welche Zeitform benutze ich wo?
Die Regel ist einfacher, als die Verwirrung darum vermuten lässt. Zwei Ebenen:
- Präsens für alles, was gilt. Definitionen, Theorie, Forschungsstand, die Bedeutung deiner Ergebnisse, Verweise auf die eigene Arbeit. „Mayring unterscheidet drei Grundformen des Interpretierens.“ · „Kapitel 3 beschreibt das methodische Vorgehen.“
- Präteritum oder Perfekt für alles, was du getan hast. Erhebung, Auswertung, Ablauf, konkrete Befunde. „Die Interviews wurden zwischen März und Mai 2026 geführt.“ · „Sechs der acht Befragten nannten fehlende Absprachen.“
Wie das in einem Absatz zusammenkommt:
„Zur Auswertung wurde die inhaltlich strukturierende Analyse nach Kuckartz verwendet (Vergangenheit: was ich getan habe). Dieses Verfahren eignet sich besonders für Material, in dem die Kategorien teils aus der Theorie, teils aus den Daten stammen (Präsens: was gilt).“
Der Wechsel im selben Absatz ist also kein Fehler, sondern trägt Information: Er zeigt, wo du über dein Vorgehen sprichst und wo über die Sache. Perfekt statt Präteritum ist Geschmackssache — wichtig ist nur, dass du innerhalb eines Kapitels nicht hin und her springst.
Darf man in einer Bachelorarbeit „ich“ schreiben?
Die ehrliche Antwort: Es kommt auf dein Fach und deine Betreuung an, und wer dir hier eine allgemeingültige Regel verkauft, erfindet sie. Die Konvention hat sich in den letzten Jahren gelockert, aber nicht überall gleich schnell.
Wo die Ich-Form heute häufig akzeptiert wird:
- Wenn es tatsächlich um eine eigene Entscheidung geht. „Ich habe mich für ein qualitatives Vorgehen entschieden, weil die Frage auf Deutungsmuster zielt.“ Hier ist „ich“ ehrlicher als „es wurde entschieden“ — entschieden hat es niemand anderes als du.
- In der Reflexion der eigenen Rolle, in qualitativen Arbeiten oft sogar erwünscht.
- In Fächern mit ausgeprägter Reflexionstradition — Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit, Teile der Kultur- und Sozialwissenschaften.
Wo es weiterhin ungern gesehen wird:
- In den Natur- und Ingenieurwissenschaften und in großen Teilen der quantitativen Forschung.
- Überall dort, wo „ich“ eine Meinung einleitet statt einer Entscheidung: „Ich finde, dass hybride Arbeit die Zukunft ist.“ Das ist kein Stilproblem, sondern ein Argumentationsproblem — der Satz wäre auch unpersönlich formuliert unbelegt.
Was du praktisch tust: Schau in zwei, drei aktuelle Abschlussarbeiten deines Instituts, die gut bewertet wurden. Das beantwortet die Frage zuverlässiger als jeder Ratgeber. Wenn du unsicher bleibst, frag deine Betreuung in einer Mail mit einem Satz — das ist keine dumme Frage, sondern eine, die dir eine Überarbeitungsrunde spart.
Und die Umgehungsstrategien: „der Verfasser“ wirkt in einer Bachelorarbeit gestelzt, das Autoren-„wir“ bei einer Einzelarbeit schlicht falsch. Wenn du „ich“ vermeiden willst, formuliere über die Arbeit selbst: „Die vorliegende Arbeit untersucht …“, „Für dieses Vorgehen spricht …“ Das ist unauffällig und in jedem Fach zulässig.
Passiv: wann es hilft, wann es schadet
Passiv gilt vielen als das Kennzeichen wissenschaftlicher Sprache. Tatsächlich ist es ein Werkzeug mit einem engen Einsatzbereich: Es rückt die Handlung in den Vordergrund und die handelnde Person aus dem Blick. Im Methodenteil ist genau das erwünscht.
- Sinnvoll: „Die Aufnahmen wurden vollständig transkribiert und anschließend codiert.“ Wer transkribiert hat, ist für die Nachvollziehbarkeit unerheblich.
- Schädlich: „Es wird davon ausgegangen, dass die Ergebnisse als übertragbar angesehen werden können.“ Wer geht wovon aus? Der Satz versteckt genau die Verantwortung, die eine wissenschaftliche Aussage sichtbar machen sollte.
- Besser: „Die Ergebnisse sind auf vergleichbare Teams übertragbar.“ Kürzer, überprüfbar, angreifbar — und angreifbar ist hier ein Vorzug.
Besonders lästig ist das „es wird“-Passiv am Satzanfang: es wird untersucht, es wird dargestellt, es wird deutlich. Drei davon auf einer Seite und der Text wirkt, als traue er sich nichts zu sagen. Ersetze sie durch ein Subjekt, das wirklich handelt: „Kapitel 4 untersucht …“, „Die Daten zeigen …“
Nominalstil — der häufigste Grund für schwere Sätze
Nominalstil heißt: Was ein Verb ausdrücken könnte, steht als Substantiv da, meist auf -ung, -heit, -keit oder -barkeit, verbunden durch blasse Hilfsverben wie erfolgen, durchführen, vornehmen, darstellen.
- Vorher: „Die Durchführung der Erhebung der Daten erfolgte unter Verwendung eines leitfadengestützten Interviewverfahrens.“ — Vier Substantive, ein leeres Verb, 14 Wörter für eine einfache Aussage.
- Nachher: „Die Daten wurden in leitfadengestützten Interviews erhoben.“ — Acht Wörter, identischer Inhalt.
Ein zweites Paar aus der Theoriearbeit: „Zur Klärung der Frage nach der Vergleichbarkeit der Befunde erfolgt eine Gegenüberstellung der Definitionen.“ wird zu „Um zu klären, ob die Befunde vergleichbar sind, werden die Definitionen gegenübergestellt.“
Die Suchstrategie beim Überarbeiten: Nimm die Suchfunktion, gib „ung “ ein und sieh dir jeden Treffer an. Nicht jedes davon muss weg — Untersuchung, Befragung und Auswertung sind stehende Begriffe. Aber wo drei in einem Satz stehen, lässt sich mindestens einer in ein Verb zurückverwandeln.
Vorsichtig formulieren, ohne unentschieden zu klingen
Wissenschaftliches Schreiben verlangt, Aussagen genau so stark zu formulieren, wie die Belege sie tragen. Das ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern der Kern der Sache: Ein „deutet darauf hin“ statt „beweist“ ist eine inhaltliche Angabe über deine Datenlage.
Eine grobe Staffelung, von stark zu schwach:
- zeigt, belegt — nur bei eindeutigen, direkt gemessenen Befunden.
- deutet darauf hin, legt nahe — der Normalfall in Qualifikationsarbeiten.
- könnte darauf zurückzuführen sein, eine mögliche Erklärung ist — für Deutungen, die über die Daten hinausgehen.
Das Gegenstück ist die Überabsicherung. Wenn jede Aussage doppelt und dreifach relativiert wird, verschwindet sie: „Es könnte unter Umständen möglicherweise darauf hindeuten, dass eventuell ein gewisser Zusammenhang bestehen könnte.“ Eine Absicherung pro Aussage reicht. Wähle die, die zu deiner Datenlage passt, und streiche die anderen.
Nützliche Ergänzung statt weiterer Abschwächung: die Reichweite benennen. „In den untersuchten vier Unternehmen zeigt sich …“ ist präziser und selbstbewusster als „möglicherweise zeigt sich tendenziell …“
Füllwörter: die Streichliste
Füllwörter sind Wörter, deren Streichung den Satz nicht verändert. Sie kosten Zeichen, die du bei begrenztem Umfang brauchst, und sie lassen belegte Aussagen unsicher wirken.
Die üblichen Verdächtigen: eigentlich, natürlich, selbstverständlich, gewissermaßen, durchaus, letztendlich, schließlich, nun, ja, wohl, quasi, relativ, sehr, ziemlich, im Grunde, in gewisser Weise, an dieser Stelle, im Rahmen dessen.
- Vorher: „Im Grunde zeigt sich an dieser Stelle relativ deutlich, dass die Ergebnisse durchaus als aussagekräftig angesehen werden können.“ — 19 Wörter.
- Nachher: „Die Ergebnisse sind für die untersuchten Fälle aussagekräftig.“ — Acht Wörter, und die Einschränkung steht jetzt dort, wo sie hingehört.
Dieselbe Behandlung verdienen abgenutzte Überleitungen: Darüber hinaus, Des Weiteren, Nicht zuletzt, In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen. Sie sind nicht falsch, aber wenn jeder Absatz mit einer davon beginnt, tragen sie keine Information mehr. Eine gute Überleitung sagt, warum der nächste Absatz folgt: „Damit ist offen, ob …“
Eine Warnung zur Radikalkur: Nicht jedes dieser Wörter muss verschwinden. Ein Text, aus dem jede Modulation entfernt wurde, liest sich mechanisch. Das Ziel ist, dass jedes verbliebene Wort etwas tut — nicht, dass der Text so gleichmäßig wird wie möglich.
Präzision schlägt Feierlichkeit
Vier Gewohnheiten, die mehr bringen als jede Stilregel:
- Ein Begriff, ein Wort. Wenn du „Mitarbeitende“, „Beschäftigte“, „Angestellte“ und „Personal“ abwechselnd für dieselbe Gruppe benutzt, wirkt das abwechslungsreich und ist ein Fehler: In einer wissenschaftlichen Arbeit signalisieren unterschiedliche Wörter unterschiedliche Sachen. Synonyme gehören in Aufsätze, nicht in Definitionen.
- Bezüge auflösen. „Dies“, „das“ und „welches“ am Satzanfang zwingen zum Rücklesen. Setz das Substantiv dazu: „Dieser Unterschied …“ statt „Dies …“
- Ein Gedanke pro Satz. Wenn ein Satz zwei Nebensätze und eine Klammer enthält, ist er meist zwei Sätze.
- Verben nach vorn. Deutsche Nebensätze schieben das Verb ans Ende; drei verschachtelte Nebensätze legen die entscheidende Information hinter 30 Wörter Wartezeit.
Überarbeiten in vier Durchgängen
Stil entsteht beim Überarbeiten, nicht beim Schreiben. Wer beim ersten Entwurf schon auf Zeitform und Füllwörter achtet, schreibt langsam und trotzdem nicht besser. Vier getrennte Durchgänge, jeder mit einer einzigen Aufgabe:
- Struktur. Trägt jeder Absatz genau einen Gedanken? Steht er an der richtigen Stelle?
- Sätze. Nominalstil auflösen, überlange Sätze teilen, „es wird“-Konstruktionen ersetzen.
- Wörter. Füllwörter streichen, Begriffe vereinheitlichen, Überabsicherung reduzieren.
- Konsistenz. Zeitformen kapitelweise prüfen, Zitierstil, Schreibweisen, Abkürzungen.
Zwei Prüfungen, die erstaunlich viel finden: Lies einen Absatz laut — wo dir die Luft ausgeht, ist der Satz zu lang. Und lass dir den Text vorlesen, etwa von der Vorlesefunktion deines Betriebssystems; Wiederholungen und schiefe Bezüge hört man, während man sie beim Lesen überliest.
Häufig gestellte Fragen
Welche Zeitform benutzt man in einer wissenschaftlichen Arbeit?
Präsens für alles, was gilt: Theorie, Definitionen, Forschungsstand, die Bedeutung deiner Ergebnisse und die Beschreibung der Arbeit selbst („Kapitel 3 beschreibt“). Präteritum oder Perfekt für alles, was du getan hast: Erhebung, Auswertung, Ablauf. Der Wechsel innerhalb eines Absatzes ist korrekt und macht die Ebenen unterscheidbar.
Darf man in einer Bachelorarbeit „ich“ schreiben?
Das hängt vom Fach und vom Institut ab, und die Antwort hat sich verschoben: In vielen Fächern ist die Ich-Form dort inzwischen akzeptiert, wo es tatsächlich um eine eigene Entscheidung geht — „ich habe mich für Mayring entschieden, weil …“. In stark formalisierten Fächern und bei manchen Betreuenden gilt sie weiterhin als unpassend. Schau in aktuelle Arbeiten deines Instituts und frag im Zweifel nach, statt zu raten.
Ist Passiv in wissenschaftlichen Arbeiten Pflicht?
Nein. Passiv ist eine Konvention, kein Gebot, und im Methodenteil ist es sinnvoll, weil dort das Verfahren wichtiger ist als die handelnde Person. Über den ganzen Text hinweg macht es Sätze schwerer und verschleiert, wer etwas getan hat. Ein durchgehend passiver Text ist kein Zeichen von Wissenschaftlichkeit, sondern von Gewohnheit.
Was sind Füllwörter und warum soll man sie streichen?
Wörter, die den Satz nicht verändern, wenn man sie entfernt: eigentlich, natürlich, gewissermaßen, durchaus, letztendlich, sehr, relativ. Sie kosten Platz, den du bei begrenztem Umfang brauchst, und sie schwächen Aussagen, die belegt sind. Die Probe ist einfach: Streiche das Wort und lies den Satz noch einmal — ändert sich nichts, war es ein Füllwort.
Wie vermeide ich Nominalstil?
Such nach Substantiven auf -ung, -heit, -keit und -barkeit und frag, ob ein Verb dasselbe sagt. Aus „die Durchführung der Befragung erfolgte“ wird „die Befragung wurde durchgeführt“ oder besser „befragt wurden acht Personen“. Nominalstil ist nicht falsch, aber er häuft sich, und drei solcher Konstruktionen in einem Satz machen ihn unlesbar.
Wie formell muss eine Bachelorarbeit klingen?
Präzise, nicht feierlich. Wissenschaftlicher Stil bedeutet nachvollziehbare Begriffe, belegte Aussagen und klare Bezüge — nicht möglichst lange Sätze oder möglichst seltene Wörter. Ein Satz, den deine Betreuung zweimal lesen muss, um die Struktur zu erkennen, ist kein guter wissenschaftlicher Satz.
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Die ersten 1.500 Wörter kostenlos, ohne Anmeldung. Bei jedem Ergebnis steht, wie oft dieses Urteil bei nachweislich menschlich geschriebenen Texten falsch liegt — das veröffentlicht sonst niemand.
Wir bauen gerade einen Schreibarbeitsplatz: dein Word- oder LaTeX-Dokument, deine PDFs daneben und ein Assistent, der nur belegen kann, was wirklich darin steht — ansehen und vormerken.